top of page

Was man von einer Tasse Kaffee am Ende der Welt lernen kann

Fundraising neu gedacht: Wer gibt eigentlich das Tempo vor?

Ich sitze tief in den Schweizer Alpen, am Ende einer gewundenen Strasse im Val Lavizzara, in einem Dorf, von dem kaum jemand je gehört hat: Fusio. Höhe: 1.280 m. Ständige Einwohner: unter 50. Aber es gibt ein Hotel. Und in seinem stillen Lesesaal – neben Regalen mit Reisetagebüchern und verblassten Hardcovern – steht eine Nespresso-Maschine. Ein Knopfdruck, und heisser Espresso erscheint. Kostenlos. Ohne Aufhebens. Einfach so.


Es wirkt mühlelos. Ist es aber nicht.


Wer macht das möglich?

Diese eine Tasse Kapselkaffee ist das Ende eines komplexen, transkontinentalen Ökosystems. Beteiligte – nach Name oder Rolle:


Am Ursprung

  • Kaffeefarmer – in Kolumbien, Brasilien, Äthiopien, Vietnam. Jede Nespresso-Mischung ist rückverfolgbar.

  • Lokale Kooperativen & Agronomen – unterstützen Farmer mit Trainings, oft über das AAA Sustainable Quality™-Programm von Nespresso.

  • Exporter & Green Coffee Traders – z. B. ECOM, Volcafé, Sucafina.


Auf dem Transportweg

  • Logistikanbieter – Seefracht, Hafenbetreiber, Zoll.

  • Versicherungsmakler – Absicherung der Bohnen über Grenzen hinweg.

  • Lagerbetreiber – temperaturkontrollierte Lagerhaltung, oft in Europa.


In der Schweiz

  • Röstereien – Romont und Avenches.

  • Kapselproduktionsteams – rösten, mahlen, versiegeln.

  • Verpackungsdesigner & Lieferanten – Box, Hülle, Inserts.

  • Nachhaltigkeitsteams – Recycling, CO₂-Reduktion.


Hinter der Marke

  • Marketing & CX – globale Teams, Werbekampagnen, Loyalitätssysteme.

  • Beschaffung & Planung – Lagerbestände, Lieferprognosen koordinieren.

  • IT, ERP, E-Commerce – Bestellungen möglich machen.


Auf der Strasse

  • Nationale Distributoren – Lieferung an Hotels.

  • Grosshändler – zusammen mit anderen Hotelprodukten.

  • Fahrer & Kuriere – enge Strassen, alpine Tunnel, saisonale Sperren.

  • Hotelbesitzer Fusio – Bestellung, Lagerung, Personaltraining.


Am Ort der Erfahrung

  • Housekeeping & Rezeption – Kapseln nachfüllen, Maschine reinigen.

  • Stromversorger – Maschine betreiben.

  • Kommunale Entsorger – Kapseln sammeln oder Nespresso-Recycling leiten.

  • Und schliesslich du, der Gast.


Die Illusion der Mühelosigkeit

Für dich: kostenloser Kaffee. Für alle anderen: Wertschöpfung, Orchestrierung, Risikoabsorption.


Es erfordert:

  • Multi-kontinentale landwirtschaftliche Präzision

  • Industrielles Engineering

  • Markenführung

  • Fein abgestimmte Logistik

  • Letzte-Meile-Mut


Und den gemeinsamen Glauben, dass Qualität selbst hier, am Rand der Erreichbarkeit, pünktlich ankommen muss.


Als die Strasse verschwand (Sommer 2024)

Heftige Regenfälle, dann Erdrutsche. Strassen in den Bergtälern brachen. Brücken weg. Stromleitungen weg. Fusio abgeschnitten.

Die Kapseln gingen aus. Keine Lieferung. Gäste stornierten. Die Berge übernahmen wieder.


Plötzlich war die Nespresso-Maschine kein Luxus mehr. Sie wurde ein Symbol für die Verletzlichkeit globaler Lieferketten.


Die wahren Kosten der Vernetzung einer Tasse Kaffee

Jede “kostenlose” Tasse ist ein Netz aus Beziehungen und Risiken: von äthiopischen Hängen bis zum Sicherungskasten im Tessin. Fällt ein Knoten aus – Strasse, Fahrer, Produktionslinie – zerfällt die Illusion von Nahtlosigkeit.


Warum es zählt

Wir denken, abgelegener Luxus sei “einfach”. Er ist es nicht. Diese Tasse ist ein Objekt der sanften Macht – ein Hinweis darauf, dass Globalisierung funktioniert. Bis sie es nicht mehr tut.


Schlussgedanke

Eine Kapsel. Tausend Hände. Eine Straße. Ein Erdrutsch.

Nicht, wie er schmeckt, sondern was er über Wert-Ökosysteme verrät.


PS: Du kannst mich für Workshops, Keynotes oder individuelles Sparring buchen – oder einfach meinem Newsletter folgen.

Yetvart Artinyan

bottom of page